[Kurzgeschichte] Mord in der Konditorei

Momentan läuft in der Schreibwerkstatt ein kleines Kurzgeschichtenturnier, bei dem ich mich beteilige. Die erste Runde ist vorbei und meine Geschichte hat es mir ermöglicht ins Halbfinale aufzusteigen. Da ich die Geschichte selbst recht gern mag, wollte ich sie auch hier einstellen.
Das Thema war „Käsekuchenmord“ und ich musste unter 1000 Wörtern bleiben.

Ich wünsche euch viel Spaß beim Lesen!

Mord in der Konditorei„So so, was haben wir denn hier?“, fragte das Obsttörtchen und rückte sich seine Sahnehaube zurecht.
„Ich kann nicht glauben, dass das in unserer Bäckerei geschieht“, kam die leise Stimme eines Semmels aus der anderen Richtung.
Das Obsttörtchen nickte. Er hatte selbst noch nicht die geringste Ahnung, wie es diesen Fall hier aufklären sollte. So etwas hatte die Welt ihrer Konfiserie noch nie gesehen. Doch Obsttörtchen verzagte nicht. Bis jetzt hatte er noch jeden Fall gelöst.
„Ich will wissen, wer zuletzt mit dem Käsekuchen gesprochen hat“, wies er seinen Assistenten, den Schokokuchen an, der sich langsam von dannen machte, um die anderen Kuchen und Torten zu befragen.
Eine sanfte Brise ging durch die Auslage. Das Klackern hinter ihm hätten Obsttörtchen zusammen zucken lassen, wenn es nicht erwartet gewesen wäre.
„Ich habe mich schon gefragt, wann ihr auftaucht.“
„Wir wollen nur sehen, was hier los ist. Man weiß ja nie, ob man nicht umziehen sollte“, antwortete eine nasale Stimme.
„Wo wart ihr vor ungefähr zwanzig Minuten, Gabel?“
Obsttörtchen ließ sich nicht aus der Ruhe bringen, nicht von diesen Halunken. Immer darauf aus ihre Krallen in die armen Torten oder Kuchen zu rammen. Nein, dieses Mal würde Obsttörtchen nicht zulassen, dass sie ungeschoren davon kamen. Er würde den Beweis finden und sie ein für alle Mal von hier verbannen.
„Wir lagen in der Besteckschublade und haben uns die neueste Folge von „Wer backt am besten?“ angesehen. Das ist doch wohl kein Verbrechen?“
Gabels tiefes Lachen klang durch die Auslage, direkt begleitet von dem hohen Gekicher seiner Entourage. Obsttörtchen hasste diesen Klang mehr als die Aussicht zu lange im Backofen zu bleiben.
„Ist es nicht, dafür andere Dinge …“
„… die du uns erst einmal beweisen musst, Törtchen.“
Obsttörtchen wusste: Ein Geständnis würde er niemals aus dem Besteck herausbekommen. Er brauchte Beweise.
„Pass auf, du schmilzt“, sagte Gabel und verließ die Szene mit einem verächtlichen Lachen.
„Chef, ich habe die Liste, die du wolltest.“
Der Schokokuchen kam zurück zu Obsttörtchen, um einen Post-It weiter zu geben. „Irgendwer Bekanntes?“
„Niemand wirklich Verdächtiges. Die Sahneschnitte, Erdbeerkuchen und die Schokoküsse sollen beim Käsekuchen gewesen sein. Sie alle geben es auch zu, doch keiner von ihnen war dort, als das Verbrechen geschah.“
So würde er nicht weiterkommen. Wenn er die Gabel-Gang dran kriegen wollte, musste Obsttörtchen stärkere Geschütze auffahren.
„Ruf Schweineohr an, wir brauchen seine Unterstützung.“
„Chef, bist du dir da sicher?“
Widerwillig nickte Obsttörtchen. Es war nicht die erste Wahl, aber es konnte nicht so weiter gehen. Das war der dritte Kuchen in dieser Woche. Wie sollte er das seiner Frau und den Kindern erklären? Die Windbeutel waren alle auf einmal verschwunden, nicht einmal ein Krümel war zurück geblieben. Doch schlimmer waren die Tatorte, wie der des Käsekuchens. Wenn man noch sehen konnte, wie sehr das Opfer gelitten hatte. Diese Bilder würden Obsttörtchen noch eine Weile verfolgen.
Ein Tropfen Sahne bahnte sich den Weg Obsttörtchens Stirn herunter. Schnell wischte er den Tropfen weg und machte sich auf den Weg zurück zu seinem Platz in der Auslage. Bis Schweineohr kam, konnte er die Zeit noch mit seiner Familie verbringen.
Neben den verschiedenen Kuchensorten fand sich Obsttörtchen bald Zuhause wieder. Seine Frau wartete auf ihn, um die Neuigkeiten direkt von ihm zu erfahren.
„Käsekuchen ist tot“, sagte er direkt. „Ich tippe auf die Gabel-Gang, aber wie immer kann man ihnen nichts nachweisen.“
„Oh Schatz“, erwiderte seine Frau und nahm ihn in den Arm, wobei sich ihre Sahnehauben vermischten. „Mach dir einen ruhigen Abend, du wirst den Täter schon finden.“
Das liebte Obsttörtchen an seiner Frau. Sie verlor nie den Mut, glaubte immer an ihn. Doch heute glaubte er nicht an sich selbst. Er ließ sich auf seinen Platz sinken und schaute in die Konditorei.
Ein Klingeln ertönte und ein Mensch trat in den kleinen Laden. Sofort kam ihr Erschaffer nach vorne. Obsttörtchen verstand die Sprache der Menschen nicht, dennoch hörte er ihnen immer gerne zu. Es hatte etwas Beruhigendes.
Doch die Ruhe wurde von dem Schrei seiner Frau durchbrochen. Zuerst war Obsttörtchen verwirrt, warum sie schrie, bis er die Hand des Erschaffers auf ihn zukommen sah. Grauen nistete sich in seinen Gedanken ein. Was wollte der Erschaffer von ihm?
Die kalten Finger legten sich um Obsttörtchen. Zum ersten Mal wünschte er sich die Sprache der Menschen zu verstehen, damit er wusste, was hier vorging.
„Was geschieht hier?“, schrie Obsttörtchen.
Vor lauter Panik fiel ihm eine Erdbeere vom Kopf. Das Letzte, was er von seiner Frau sah, waren die dicken Sahne-Tränen, die sich ihren Weg über ihren Teig bahnten.
Obsttörtchen versuchte sich zu wehren, verteilte sogar ein paar Krümel, doch all das brachte nichts. Der Erschaffer bewegte ihn weiter in Richtung eines Tellers. Aus dem Augenwinkel sah Obsttörtchen die Gabel.
„Du“, sagte er.
„Damit habe ich nichts zu tun, du musst mir glauben.“
Zum ersten Mal hörte Obsttörtchen etwas anderes als Überheblichkeit aus der Stimme der Gabel. Vielleicht hatte er vorschnelle Schlüsse gezogen?
Bevor er weiter nachdenken konnte, wurde der Teller bewegt. Obsttörtchen musste sich festhalten, damit ihm nicht schwindelig wurde. Erst als sie wieder still standen, traute er sich die Augen zu öffnen.
Eine Hand, ähnlich der des Erschaffers, griff nach Gabel. Es war zu spät, als Obsttörtchen endlich verstand, was hier vor sich ging.

~*~*~

Im Nachhinein würde ich noch ein paar Kleinigkeiten ändern, aber ich dachte, ich zeige euch genau das, was ich eben eingereicht habe 🙂

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