[Kurzgeschichte] Verschwundenes Grau

 

Die zweite Runde des SWS-Sommertuniers ist vorbei und somit kann ich euch auch meine zweite Geschichte zeigen. Mit ihr habe ich es ins Finale geschafft, obwohl ich für einige Verwirrung gesorgt habe 😀

Verschwundenes GrauEs war immer ein Ereignis, ihr in die Augen zu sehen. Nie in meinem Leben hätte ich gedacht, dass es etwas gäbe, was ich immer und immer wieder sehen wollte. Nie in meinem Leben hätte ich gedacht, dass ich mich nach mehr sehnen könnte. Bis sie in mein Leben trat. Sie saß einfach nur. Saß da und starrte die Leute um sich herum an.

Zunächst war sie die größte Attraktion der Stadt. Hatten wir doch noch nie jemand Buntes gesehen. Es war seltsam, ihr gegenüber zu stehen und zu wissen, dass sie etwas Besonderes war. Zu wissen, dass sie besser und anders war als wir. Mir zu wünschen, wie sie zu sein. Wir sollten uns fernhalten. Jeden Abend ging ich zu ihr, schaute ihr dabei zu, wie sie sich für die Nacht zurecht machte.

Mitten auf unserem Marktplatz saß sie auf ihrem Sessel und legte ihre Haare zu einem Zopf. Ich hatte keine Namen für die Farben, die sie trug und dennoch spürte ich tief in mir die Schönheit, die sie wach riefen.

„Du brauchst mich nicht jeden Abend beobachten. So schnell werde ich nicht verschwinden“, trug der Wind ihre sanfte Stimme zu mir herüber.

Hitze stieg mir in die Wangen, ein dunklerer Grauton hatte sich wahrscheinlich darüber gelegt. Ich schluckte, als mir erst jetzt klar wurde, was es bedeutete, dass sie mich angesprochen hatte. Sie hatte mich gesehen. Mich, das graue Mädchen.

„Komm her.“

Wieder diese sanfte Stimme. Wenn ich doch nur wüsste, was ich tun sollte. Man hatte mir klar gemacht, dass man niemals mit einem Bunten sprechen durfte. Nicht, wenn einem sein eigenes Leben lieb war. Aber was hatte ich zu verlieren? Was hatte ich, was ich nicht ohne zu zögern aufgeben würde?

Ich machte einen Schritt nach vorne. Aus dem Schutz der Gasse trat ich ins helle Licht, welches nur ein sehr heller Grauton war. Ich habe mir oft vorgestellt, wie es sein musste durch eine Stadt der Bunten zu gehen. Sie zu sehen. Einer von ihnen zu sein. Warum war sie hier? Wie konnte man freiwillig hierherkommen?

„Ich tu‘ dir nichts“, sagte sie und ein Lächeln legte sich auf ihre Lippen.

Gänsehaut stieg meinen Körper hinauf. Warum war etwas so Schönes verboten? Warum sollte ich Angst vor ihr haben? Wie lange saß sie schon hier auf unserem Marktplatz? Eine Woche? Zwei? Es war nichts Seltsames passiert. Wir hatten sogar den Markt wieder aufgenommen. Warum sollte ich also nicht mit ihr sprechen?

„Hallo“, brachte ich hervor, als ich noch einen Schritt auf sie zuging.

Sie legte ihre Hände auf ihren Schoß, der Zopf fiel ihr über die Schulter und sie blieb ganz ruhig sitzen. Schaute mich an. Grün, sagte etwas in mir. Das war der Name für die Farbe ihrer Augen.

„Wie heißt du?“, fragte sie mich.

„Grün …“, stieß ich hervor, noch immer gefangen von dem Wort. „Deine Augen …“

Wieder lachte sie, doch es schwang keine Boshaftigkeit mit. Sie schaute mich an, schwang eines ihrer Beine über das andere und streckte mir dann ihre Hand entgegen.

„Ich bin Ilia. Du bist der erste Grauling, der sich traut mit mir zu sprechen. Bist du mutig?“

Einen Moment lang konnte ich nichts tun. Wie festgefroren stand ich hier und starrte sie an. Wunderte mich, ob ich nicht doch lieber umdrehen und wegrennen sollte. Ich könnte es zurück in die Gasse schaffen und tun, als wäre nie etwas geschehen.

„Manchmal“, erwiderte ich, als mein Körper sich wieder in Bewegung setzte. „Man hat uns gesagt, dass wir nicht mit dir sprechen dürfen. Deswegen redet niemand mit dir.“

Ilia ließ ihre Hand sinken, ihr Kopf folgte und als ihr Zopf noch vorne wippte, fiel mir auch der Name für die Farbe ihrer Haare ein. Rot.

„Vielleicht haben sie Recht. Vielleicht solltest du gehen.“

Ich schüttelte meinen Kopf. Ich war gerade erst gekommen. Doch Ilia sah es nicht. Sie schaute nicht auf, sondern hielt ihren Blick fest auf den Boden gerichtet, was mir die Möglichkeit gab, sie aus der Nähe zu betrachten. Ihre Haare sahen so anders aus, als alle, die ich je gesehen habe. Sie strahlten Wärme aus, wie ein … ein … ein Feuer, das war das Wort. Doch heutzutage gab es keine Feuer mehr. Nichts, was uns wärmte.

Ich wünschte mir so sehr, noch einmal ihr Gesicht zu sehen, dass ich all meinen Mut zusammen nahm und auf sie zutrat. Ich legte ihr eine Hand auf die Schulter, um sie zu trösten, doch stattdessen durchzuckte mich schrecklicher Schmerz.

Dunkelheit umgab mich. Kälte zog mich in ihre festen Arme. Angst riss an mir. In meiner Kehle wuchs ein Schrei, blieb aber stecken. Meine Atmung wurde schwerer. Konnte ich überhaupt noch atmen? Panik überkam mich. Ich wollte wegrennen, mich verstecken, doch ich war wie festgeklebt. Meine Beine waren zu schwer, um mich von diesem Ort zu bewegen. Meine Arme zogen mich zu Boden, bis ich auf meinen Knien saß.

Ein Geräusch zog meine Aufmerksamkeit auf sich. Mit all meinem Willen schaffte ich es den Kopf zu heben. Ilia kam auf mich zu.

„Ich hätte nicht herkommen sollen. Jetzt tu‘ ich dir das Ganze noch einmal ein.“

Ich verstand ihre Worte nicht, wusste nicht, was sie mir sagen wollte. Alles, was ich konnte, war zu hoffen, dass sie mir half. Innerlich flehte ich sie an, nur schien sie nichts davon zu hören. Sie kniete sich neben mich, schaute mir in die Augen.

„Du erkennst mich nicht, oder?“

Selbst wenn ich gewollt hätte, konnte ich nicht antworten, das musste sie doch sehen. Sie musste doch erkennen, dass es für mich hier keinen Ausweg gab. Dass sie mir helfen musste. Warum stellte sie da komische Fragen?

„Man hatte mich gewarnt. Wenn man einmal bunt wird, darf man niemals zurück sehen“, Ilia machte eine kurze Pause, um ihre Hand an meine Wange zu legen. „Ich kann nicht glauben, dass ich jemals so grau war. Wie kannst du nur so leben?“

Die Fesseln um meinen Körper lösten sich. Ich konnte mich wieder bewegen. Ilia liefen Tränen über die Wangen, doch ich war mir nicht sicher, ob sie mich überhaupt noch wahrnahm. Ich erinnerte mich, an meinen Wunsch bunt werden zu wollen, doch so wie Ilia nun aussah. Wie sie mich behandelte. Wie konnte ich es da noch wollen? Wie sollte ich jemals bunt werden wollen?

„Nein, tu das nicht“, sagte Ilia und schüttelte ihren Kopf.

Sie entfernte sich von mir, während die Dunkelheit um mich herum langsam verschwand. Ich konnte den Marktplatz wieder sehen, konnte Ilias Sessel sehen. Menschen liefen um mich her, schauten mich angsterfüllt an. Vorsichtig hob ich meine Hände, erschrak vor mir selbst. Was war passiert? Warum waren sie nicht grau? Ich rannte in die Gasse. Irgendwo hier gab es einen Mülleimer mit einem silbernen Deckel. Spiegel gab es kaum in unserer Stadt, aber … aber … ich konnte mich nicht erinnern, was ich denken wollte. Meine Hand lag schon auf dem Deckel, als ich ihn hob und meine roten Haare erkannte, glaubte ich ein Lachen hinter mir zu hören. Als ich mich umdrehte, sah ich nur den leeren Sessel in der Mitte des Dorfes.

„Was habe ich getan?“

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