[Kurzgeschichte] Tanz als Ich

Hier meine letzte Geschichte für das Schreibwerkstatt-Sommerturnier, mit der ich den dritten Platz belegt habe. Das Thema war „Katzentanz“.

Tanz als IchDie schwarzen Tatzen bewegen sich immer weiter vorwärts. Sanft aber entschlossen, hinterlassen sie ihre Spuren in der feuchten Erde des Beets. Die kleinen Härchen wehen im Wind, während sich Nila nicht von ihrem eigentlichen Ziel ablenken lässt. An den Boden gedrückt rutscht sie Zentimeter um Zentimeter vorwärts, um dem Schmetterling näher zu kommen. Nur wenn man genau hinsieht, bemerkt man den flachen Atem. Ihre Schnurrhaare verfangen sich in den Grashalmen, doch das hält sie nicht ab. Noch ein wenig näher. Ihr Körper bebt vor Anspannung. Nila will gewinnen. Ihre Rute zuckt einmal, bevor sie vollkommen ruhig lieben bleibt. Kein Ton dringt mehr von Nilas Körper an die Außenwelt.

Eine Sekunde bevor sie wirklich springt, kann man sehen, wie sie sich bereit gemacht hat. Mit welcher Kraft sie vom Boden abhebt. Der Schmetterling schafft es ihren Pfoten zu entkommen, doch Nila hat ihn getroffen. Ein Flügel ist lädiert und es fällt dem armen Tier schwer sich in der Luft zu halten. Sofort nutzt Nila das aus. Ihre raue Zunge leckt über ihre Nase, bevor sie ein weiteres Mal auf den Schmetterling zuspringt. Dieses Mal hat sie ihn gefangen. Hält ihn fest zwischen ihren Tatzen.

Nachdem Nila ihr Mahl beendet hat, streift sie weiter durch den Garten. Er ist nicht sonderlich groß, doch für sie muss er riesig sein. Ganz langsam, Schritt für Schritt, bahnt sie sich ihren Weg zur Hecke. Ob der Rasen an ihren Pfoten kitzelt? Ob sie es spüren kann?

Ich schüttele meinen Kopf. Diese Gedanken bringen mich nicht weiter, sie holen mich nur in die Realität. Schnell richte ich meine Aufmerksamkeit wieder auf Nila. Sie ist es, die mir über diesen Tag hinweg hilft.

Nila hat es bis zur Hecke geschafft, liegt auf der kühlen Erde und putzt sich. Zuerst ihren Rücken, dann die Hinterpfoten und der Bauch, zum Schluss die Vorderpfoten. Ein kleiner heller Fleck ist an ihrem Bauch zu sehen. Es ist neben ihren Augen der einzige Punkt an Nila, der nicht schwarz ist. Ihr weiches Fell braucht diese Pflege, warum sonst würde Nila sich jeden Tag wieder darum bemühen? Es dauert nicht lange, bis Nila ihre Pflege beendet hat und wieder durch den Garten streift.

Ihre Ohren bewegen sich bei jeder Bewegung, sie hört ganz genau, ob etwas um sie herum passiert. Sie macht keinen falschen Schritt. Jedes Mal, wenn eine Pfote den Boden berührt, ist es gewollt. Nila macht sich auf den Weg zur anderen Seite des Gartens, dort, wo das Gras noch hochsteht, wo es sie an ihrem Bauch kitzeln wird. Wieder setzt sie zum Sprung an. Ihre Hinterbeine sind unglaublich stark. Sie landet auf dem Zaun, balanciert herüber, bis sie neben mir zum Stehen kommt.

Nila springt auf meinen Schoss und rollt sich zusammen. Sie hat ihre Bühne verlassen und ich danke ihr, für ihr tägliches Schauspiel, bevor mein Vater auf die Terrasse tritt. Innerlich schließe ich den Vorhang von Nilas Bühne, bevor ich meine Augen für die Realität öffne.

„Das Essen ist gleich fertig“, sagt er leise.

Ich höre die Tränen in seinen Worten, beschließe sie zu ignorieren. Genug habe ich für mich allein. Doch ich höre ihn nicht gehen. Wie Nila versuche ich meine Ohren in seine Richtung zu bewegen, doch ich muss meinen Kopf dafür drehen.

„Was ist?“, frage ich gereizt.

Es war noch nicht lange her, dass er mich heraus geschoben hatte. Wieso konnte ich nicht ein paar Minuten für mich haben? Meinen Blick richte ich auf den Boden. Erkenne, dass ich nunmehr im kleinen Gemüsebeet sitze, welches meine Mutter vor ein paar Wochen angefangen hat. Um mich ist alles aufgewühlt. Die angehenden Pflanzen liegen verkrümmt daneben. Erinnern mich an meine Beine.

„Warum hast du das getan?“ Er traut sich nicht einmal, mich anzusehen.

„Ich habe getanzt“, flüstere ich, während ich langsam über Nilas Fell streichele. „Es sieht nur nicht mehr so schön aus wie früher.“

Ein Knoten platzt in mir und die Tränen fließen heraus. Sie landen auf Nila, welche sofort von meinem Schoss springt. Nur spüre ich es nicht, sondern sehe es nur. Überrascht schaut sie mich an, während ich ihr mit meinen Blicken folge. Ich weiß, dass Nila es mir nicht übel nimmt, aber ich brauche ihre Bewegungen. Wenn sie über den Zaun balanciert, weiß ich, dass ich das auch mal konnte. Wenn sie vom Boden hoch in die Luft springt, kann ich mir vorstellen, wie der Wind an mir zieht. Ich kann zumindest so tun, als wären ihre Schritte Teil meiner Choreografie.

„Tascha“, mein Vater stellt sich neben mich, legt mir eine Hand auf die Schulter. Die kann ich spüren. Dort habe ich noch Gefühl.

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Ich hoffe meine kleine Geschichte hat euch gefallen 🙂

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