Warum ich keine Schreibblockade hatte, aber dennoch nicht geschrieben habe

Eigentlich lüge ich schon in meiner Überschrift, denn ich habe durchaus geschrieben, nur eben nichts, was ich für meine Projekte verwenden kann. Das meiste waren Gedanken oder Versuche meine Gefühlswelt in Worte zu fassen, um sie besser zu verstehen. Ab und an habe ich es zustande gebracht, eine kleine Szene zu schreiben, die nichts mit mir zu tun hatte. Deswegen habe ich zwar geschrieben, aber gleichzeitig auch nicht.

Woran lag das nun genau?
Anfang August hat mein Leben sich gedacht, dass es sicher lustig sein würde, wenn es sich auf den Kopf stellt. Wenn ich nicht nur mein Zimmer ausmiste, sondern auch endlich Dinge kläre, die ich immer wieder vor mir hergeschoben habe. Mit Dingen und Menschen abschließe, die mir auf lange Sicht mehr weh getan hätten, als sie es jetzt getan haben.

Mein Kopf war kein schöner Ort in den letzten drei bis vier Wochen. Es ist nicht leicht jeden Morgen mit den Gedanken aufzuwachen, was man noch alles zu tun hat und darauf nur zu reagieren, in dem man sich auf den Boden legt und die Decke anstarrt. Es ist nicht leicht jeden Morgen aufzuwachen und zu wissen, dass man nicht einmal die Kraft hat, sich hinzusetzen. Aber es gab noch einen weiteren Gedanken in meinem Kopf und das war der an das Schreiben. Etwas, was mir immer wieder geholfen hat und was immer mein Go-To ist, wenn es mir schlecht geht.

Das Problem war, dass es nicht ging. Ich habe mich an den PC gesetzt, ich habe ein Dokument geöffnet und mich gefragt, was der Scheiß soll.

Ich nenne es nicht Schreibblockade, weil es keine war. Ich hätte schreiben können. Es gab nichts, was mich physisch davon abgehalten hätte zu schreiben. Es war etwas viel Gemeineres und viel Hinterlistigeres: meine eigenen Gedanken.

Ich habe keinen Sinn darin gesehen, überhaupt zu schreiben. Zum ersten Mal seit drei Jahren hat die Stimme in meinem Kopf wieder Überhand gewonnen, dass es sowieso nichts wird und ich alles zerstöre, weil ich mich so sehr auf das Schreiben konzentriere.
Ich war so voll mit Gefühlen und Gedanken, die zu nah an mir dran waren, als dass ich sie in etwas Fiktionales hätte übersetzen können. Es fiel mir schwer zu schreiben, weil ich mir dann einen Spiegel hätte vorhalten müssen. Ich hätte mir selbst zeigen müssen, was ich da gerade tue und wie ich darüber denke. Das konnte ich zu dem Zeitpunkt nicht. Ich konnte es nicht verantworten, dass ich mich selbst so sehe.

Also habe ich etwas anderes gemacht: Ich habe angefangen nicht-fiktionales zu schreiben. Ich habe meine Gedanken aufgeschrieben, meine Gefühle in Worte gefasst, jedes noch so kleine Fitzelchen aus mir herausgezogen und es auf die leeren Seiten meines Dokuments geklatscht. Ich habe geschrieben. Ich habe mich befreit.

Es war nicht das, was ich wollte, aber es war besser als nichts.

Jeder Tag, der verging, ohne dass ich an meinem Projekten gearbeitet habe, war ein schlechter Tag. Ich habe nur noch gesehen, was ich alles nicht tue, anstatt zu sehen, dass ich momentan einfach nicht anders kann.
Das Problem ist nur, dass ich das alles ganz genau wusste. So ist es meistens, wenn ich in solch eine Phase schlittere. Ich weiß, was ich tun muss, damit es mir besser geht, aber mir fehlt die Kraft dazu. Es ist egal, wie viel von außen kommt, solange ich in mir die Kraft nicht finden kann, etwas zu tun, wird sich nichts ändern.

Ich habe angefangen dankbar zu sein, dass ich überhaupt schreibe. Irgendwann merkte ich, dass ich mittlerweile fast alles aufgeschrieben hatte, was in mir drin steckt. Ich habe mir die Last ganz langsam von meinen Schultern geschrieben. Und mit jedem Wort, das ich loslassen konnte, spürte ich die Kraft zurückkommen.

Was heißt das?
Ich weiß nicht, wie es für andere ist, die mit psychischen Problemen zu kämpfen haben, aber für mich ist es so, dass ich quasi einen Energiepool habe. In diesem Pool ist meine Motivation, alles, was mich voran treibt. Ich kann ihn anzapfen, wenn ich eigentlich schon viel zu erschöpft bin, um weiterzumachen. Ich kann ihn auffüllen. Er ist niemals leer, manchmal ist nur der Weg dorthin versperrt. Ich kann ihn nicht erreichen, obwohl ich weiß, dass er da ist. Ich stehe in Badekleidung bereit auf dem Sprungbrett, aber etwas hält mich zurück, hinein zu springen. Manchmal bin ich es selbst, weil ich mich ans Sprungbrett kette, manchmal liegt eine Plane über dem Pool, die ich nicht wegziehen kann.

Für solche Momente habe ich ein Planschbecken. Dieses kommt immer dann zum Einsatz, wenn der große Pool nicht erreichbar ist. Das Planschbecken muss ich jedoch erst mal füllen. Es ist immer leer, weil ich seine Energie verbrauche, um zurück zum großen Pool zu kommen. Also habe ich jeden Tag einen Eimer Wasser genommen, um das Planschbecken aufzufüllen.

Ich habe mit Leuten gesprochen, die wissen, wie viel mir das Schreiben bedeutet. Die verstehen, was in mir vorgeht, wenn ich am Zerbrechen bin.
Ich habe mir klar gemacht, warum ich überhaupt schreibe. Mir gesagt, dass ich genau für solche Menschen wie mich schreibe, die wissen sollen, dass sie nicht alleine sind.
Dazu kamen die Verzweiflung und die Wut darüber, dass ich nicht schreibe. Dass ich nichts tue, um meinem Traum näher zu kommen. Dass ich auf die Uhr und auf das Kalenderblatt starre, vollkommen im Stillstand.

Das hat gereicht, um das Planschbecken zu füllen. Um mich vorgestern ins Bett zu legen und mir zu sagen: „Morgen wird ein guter Tag. Morgen schreibst du, egal was es ist. Fang etwas Neues an, wenn es sein muss. Schreib eine Kurzgeschichte. Schreib, was dir auf den Fingern brennt. Morgen wird ein guter Tag, weil du zurückfinden wirst, zu dem, was du liebst und was du brauchst, um klar denken zu können.“

Und ich bin gestern aufgestanden, ich habe mich an meinen PC gesetzt und habe geschrieben. Es ist ein neues Projekt und es ist mir egal, weil es momentan nur wichtig ist, dass ich wieder schreibe und nicht, was ich schreibe.

Was lerne ich daraus?
Es ist nicht das erste Mal, dass ich diese Erfahrung mache, aber es ist das erste Mal, dass ich länger als ein paar Tage nichts geschrieben habe, was ich als Geschriebenes rechne. Es ist das erste Mal seit Jahren, dass ich meinen Antrieb verloren habe.
Obwohl es sich vor allem aufs Schreiben bezieht, nenne ich es nicht Schreibblockade, weil es nichts in dem Sinne mit dem Schreiben zu tun hatte. Ich selbst war es, die sich blockiert hat.

Ich hätte jederzeit schreiben können, wenn ich es gewollt hätte.

Das Problem war, dass ich nicht wollte.

Ich wollte mich nicht auf meine Gefühle einlassen.
Ich wollte mich nicht in eine meiner Welten fliehen und hoffen, dass dann alles besser wird.
Ich wollte nicht sehen, wie meine Charaktere, die Entscheidungen treffen, die ich treffen sollte.

Jeden Tag in den letzten drei bis vier Wochen hätte ich schreiben können, wenn ich es gewollt hätte. Es gab nichts, was mich abgehalten hat, außer mir selbst.

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